Familie Zeller aus Martinszell  
 
Sonntag, 11.12.2016

Carl August Zeller (1774 –1846)

Ein Schulreformer in Württemberg und Preußen

Martin Zeller, Carl August Zeller - Ein Schulreformer in Württemberg und Preußen, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbands e.V. Heft 18, Stuttgart 2006, Herausgegeben vom Martinszeller Verband e.V.

 
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Zwei Zellerbrüder als Volkspädagogen im 19. Jahrhundert

Zur Familie Zeller aus Martinszell gehörten im 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von nennenswerten Persönlichkeiten. Unter ihnen ist auch zu denken an zwei Brüder, die beide, jeder in seiner eigenen Weise und jeder an anderem Ort, damals die Erneuerung der Volksbildung maßgeblich beeinflusst haben. Der ältere, Carl August Zeller, war Schulreformer in Böhmen, in der Schweiz, in Württemberg und in Preußen. Er verstand sich als Weltverbesserer im Sinne Pestalozzis. Der jüngere, Christian Heinrich Zeller, war Waisenvater und evangelischer Sozialpädagoge.

Christian Heinrich Zeller kennt man weithin heute noch als den Gründer und jahrzehntelangen Leiter der evangelischen Kinderrettungsanstalt im Schloss Beuggen bei Basel. Diese Anstalt entwickelte sich im 19. Jahrhundert zusammen mit einem Armenschullehrerseminar zum Vorbild1 für eine Vielzahl solcher diakonischer Einrichtungen in Württemberg. Christian Heinrich Zellers Lebenswerk hat damit das pädagogische Wirken des württembergischen Pietismus nachhaltig geprägt. Neuerdings erinnert sogar eine Gedenktafel am Schloss Hohenentringen an die Verdienste dieses Pädagogen. In der Reihe der Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbands hat Herbert Leube unter dem Titel „Familie und christliche Diakonie“ eine beeindruckende Darstellung der familienbildenden Wirkungskraft von Christian Heinrich Zeller vorgelegt. Schon wegen seiner großen Nachkommenschaft ist in der Zellerfamilie der Beuggener Zeller also der Bekanntere.

Weniger im Gedächtnis ist dagegen Christian Heinrichs älterer Bruder Carl August, der seinerzeit weit über sein Heimatland hinaus als Schulreformer wirksam war. Er war es, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Erziehungsideale Pestalozzis in die Reform des Volksschulwesens in Württemberg und vor allem in Preußen einführte. Erst neuerdings erinnert man sich in pädagogischen Fachkreisen wieder an diesen fast modern anmutenden Reformpädagogen. Mit der vorliegenden Kurzbiografie soll er nun auch in der Großfamilie Zeller die ihm gebührende Aufmerksamkeit erhalten. Diese Sonderveröffentlichung des Martinszeller Verbandes stützt sich auf eine Monografie von Annedore Bauer zur Pädagogik Carl August Zellers und auf eine Darstellung von Ernst Feucht im Band 13 der Lebensbilder aus Württemberg und Franken (vgl. Anm. 4). Im Anhang sind einige bisher unveröffentlichte Briefe von und an Carl August Zeller abgedruckt.

Wer war Carl August Zeller?

Man hat Carl August Zeller einen Weltverbesserer genannt. Diese Bezeichnung steht jedem ambitionierten Pädagogen wohl an, auch wenn dabei mit leiser Ironie gesagt wird, Weltverbesserung sei eine Utopie. Pädagogen sind Weltverbesserer. Das gilt besonders für einen so unermüdlichen Schulreformer wie Carl August Zeller, dessen bewegte Biographie hier skizziert werden soll.

Carl August Zeller war ein von echter pädagogischer Leidenschaft ergriffener Mensch. Sicher gehörte er auch zu den Weltverbesserern, die ihre hochfliegenden Pläne nicht eins zu eins in die Wirklichkeit umsetzen konnten. Er war unzufrieden mit sich selbst, wenn er das erkannte, und zog unstet von Ort zu Ort, wenn er hoffte, irgendwo etwas pädagogisch Fortschrittliches bewirken zu können. Auf jeden Fall kommt ihm das Verdienst zu, bahnbrechend gewirkt zu haben für die Reform des Volksschulwesens im Sinne Pestalozzis, zuerst in Württemberg und dann vor allem in Preußen.

Christhard Schrenk zählt Carl August Zeller zu den bedeutendsten Pädagogen am Beginn des 19. Jahrhunderts und charakterisiert ihn als „ehrgeizig, fleißig, aber unstet“. Annedore Bauer sagt: „Zellers Arbeiten war einerseits geleitet vom großen Idealismus und dem Wunsch, das „Gute“ weiterzuverbreiten, Schulen und Lehrerbildung nach diesen besseren Ideen zu verändern; andererseits war viel persönlicher Ehrgeiz Motivation für sein Streben“. Ernst Feucht nennt Carl August Zeller den „bedeutendsten und selbstständigsten Schüler Pestalozzis“, er habe „bahnbrechend für die Einführung Pestalozzischer Grundsätze in die württembergischen Schulen gewirkt“. Herwig Blankertz widmet dem erfolgreichen preußischen Reformer in seiner kurz gefassten „Geschichte der Pädagogik von der Aufklärung bis zur Gegenwart“ einen ganzen Abschnitt. Dort wird Zeller ein Mann mit bedeutenden Fähigkeiten genannt, der in Preußen das stolze Gefühl gehabt habe, Lehrer des Volkes zu sein.

Die Biografie dieses bemerkenswerten Pädagogen wirft gleichzeitig ein Licht auf die kulturellen und gesellschaftlichen Umbrüche um die Wende zum 19. Jahrhundert. Diese Umbrüche hatten ihre Wurzeln in der Aufklärung und wurden politisch wirksam durch die Französische Revolution und durch Napoleon. Die Jahrhundertwende vor 200 Jahren war eine von Krisen und Kriegen geplagte Zeit, aber auch die Zeit der großen Philosophen des Idealismus und die Zeit der deutschen Klassik und Romantik. Es war in Deutschland die Zeit eines kulturellen Aufbruchs. Dieser zeigte sich kulturpolitisch vor allem in den preußischen Reformen. Davon muss im Zusammenhang mit Carl August Zeller die Rede sein.

Familie

Carl August Zeller entstammt der Maulbronner Linie der Zeller aus Martinszell. Als der Baumeister Hans Zeller vom Hohentwiel in das württembergische Tuttlingen zog, bestimmte er bekanntlich seinen ältesten Sohn Johannes zum Studium der Theologie nach der neuen lutherischen Lehre. Unzählige evangelische Pfarrer und geistliche Würdenträger hat seitdem diese Familie hervorgebracht. Auch Carl Augusts Zellervorfahren gehörten in diese Reihe, die vom Maulbronner Prälaten Johannes Zeller (Zellerbuch 1974 § 393) über den Abt von Lorch, Christoph Zeller (Zellerbuch § 394), und den Prälaten von Anhausen, Andreas Christoph Zeller (Zellerbuch § 403), zu Großvater Johann Friedrich Zeller (Zellerbuch § 404) führt, der als Diakonus, also Stadtpfarrer, in Böblingen früh verstarb. Theologen waren auch die Vorfahren der Mutter, Henriette geb. Schneck. Nur Christian David Zeller, der Vater Carl Augusts, schlug aus der Reihe, er wurde Jurist. Er kaufte sich nicht nur den Titel eines herzoglichen Hofrats, sondern auch im Jahr 1773 aus der Mitgift seiner Frau für 1000 Gulden das Hofgut Hohenentringen und wechselte in die Landwirtschaft, nicht mit großem Erfolg, denn die herzoglichen Hirsche und Wildsauen aus dem Schönbuch verwüsteten regelmäßig seine Felder. Zum Glück hatte Herzog Karl Eugen ein Einsehen. Er kaufte seinem landwirtschaftlich in Schwierigkeiten geratenen, aber geschäftstüchtigen Hofrat das Gut für die verdoppelte Kaufsumme von 2000 Gulden ab und forderte ihn auf, mit seinen damals fünf Kindern (später waren es 10) in die Residenzstadt nach Ludwigsburg zu ziehen.

Kindheit

Carl August Zeller wurde 1774 auf Schloss Hohenentringen geboren. Das war vorher noch eine richtige Burg mit Torturm und Zugbrücke. Erst sein Vater ließ den Burggraben zuschütten. Zeller schwärmte später in seinen Erinnerungen von seiner Kindheit „in der reinen Bergluft und mit dem köstlichen Wasser des sehr tiefen Ziehbrunnens“, wie er sich in rousseauscher Manier ausdrückte. Nur wenige Jahre allerdings genoss Carl August das Landleben in der Familie. Eine standesgemäße Schule konnte das Dorf Entringen nämlich nicht bieten. So wurde der sechsjährige Schulbub zum Zweck des Besuchs der Lateinschule bei seiner Großmutter in Böblingen untergebracht. Die Erziehung der Pfarrerswitwe und die Schulerfahrungen beim dortigen Präzeptor gehörten freilich nicht zu Zellers angenehmen Lebenserinnerungen. Die Großmutter sperrte den Enkel ängstlich in der Stube ein und in der Lateinschule waren Haselnussstecken der einzige Lernanreiz. So konnte sich der fortschrittliche Pädagoge später nicht auf gute Vorbilder besinnen, wenn er an seine eigene Erziehung dachte, er erfuhr eher, wie man es nicht machen soll. 1787 nach dem Umzug der Familie hoffte der 13 Jährige in Ludwigsburg bleiben zu dürfen, aber der strenge Vater hatte für seinen begabten Erstgeborenen die theologische Laufbahn vorgesehen und die führte in Württemberg über das Landexamen und über die Klosterschulen.

Klosterschüler in Denkendorf und Maulbronn

Im Oktober 1788 wurde der 14-jährige Lateinschüler nach mit Wiederholung bestandenem Landexamen in die niedere Klosterschule nach Denkendorf und zwei Jahre später in die höhere zu Maulbronn aufgenommen. Dort wurde viel von den jugendlichen verlangt, aber das war noch die Zeit vor der Klosterschulreform. Die Schüler mussten wie Friedrich Reichard urteilt „mit unnützem philologischen, philosophischen und theologischen Wörterkram ihr Gedächtnis martern ... Wer sich ganz im Geiste dieser Anstalten bildet, wird ein gelehrter, einseitiger Pedant, aber ein brauchbarer Mann wird er niemals“. Immerhin sind gerade zu jener Zeit so freie Geister wie Hegel, Schelling und Hölderlin aus dieser Schule hervorgegangen. Zeller berichtet über seine Klosterschulzeit: „Die Diät im Kloster Denkendorf war noch einfacher und heilsamer (!) als jene im Vaterhause ... dagegen war damals die Klosterzucht noch so mönchisch, dass die armen Kuttenträger zur Winterszeit Gottes Boden nur selten betraten, im Sommer aber nur in der heißesten Tagesstunde (12 - 1) sich im Freien ergehen durften.“ Zeller hat Maulbronn als drittbester Schüler verlassen und wechselte mit der ganzen Jahrgangsklasse (Promotion) im Jahr 1792 in das theologische Stift nach Tübingen.

Student im Evangelischen Stift in Tübingen

Dort hatte gerade eine Zeit des Umbruchs begonnen: Einerseits war eine Stiftsreform im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus im Gange mit neuen Statuten (1793). Der Neuordnung diente auch der Umbau des mittelalterlichen Augustinerklosters im klassizistischen Stil, Andererseits drang das Echo der Pariser Revolution in die sonst so stille Universitätsstadt, denn unter den Stiftlern waren auch einige aus der westwärts gelegenen württembergischen Grafschaft Mömpelgard. Sie und nicht die vielen adeligen Exilanten brachten die neuesten Nachrichten von den Pariser Ereignissen und von der Hinrichtung des französischen Königs unter die Studenten. Die Zeitgenossen allerdings wussten 1789 noch nicht, was der Sturm auf die Bastille bedeutete. Erst die Hinrichtung des französischen Königs ließ Europa aufhorchen. 1793 begann man zu ahnen, dass mit der Emanzipation des Bürgertums eine neue Zeit angebrochen war. Unter den Studenten in Tübingen bildeten sich Parteien, und zwar sowohl eine royalistische als auch eine demokratische. Zur letzteren neigte auch der junge Magister Friedrich Hölderlin und seine Freunde Schelling und Hegel. Die Stuttgarter Regierung war äußerst beunruhigt. Man hoffte, das traditionsreiche Tübinger Stipendium wieder in den Griff zu bekommen.

Kirchenratsdirektor Hochstetter begründete den Umbau des Stifts so: „Schon durch die äußerliche Einrichtung muss man den herzoglichen Stipendiaten fühlbar machen, dass sie in einem fürstlichen Stift erzogen werden und dass sie zu einem wichtigen Zweck bestimmt seien. Hierdurch werden sie von vielen Verirrungen abgehalten werden, und die Gesetze erreichen erst ihren eigentlichen Zweck, Abwege zu verhüten.“

Wir wissen nicht, wie Zeller sich in politischer Hinsicht verhielt. Auf die zitierten „Abwege“ jedenfalls scheint er nicht geraten zu sein. Mit Hölderlin verband ihn, dass dieser die 1. Violine und Zeller die 1. Flöte im Studentenorchester spielte. Seine Studien betrieb Zeller gewissenhaft und mit Erfolg: Studium Theologiae diligenter et cum sucsessu tractavit. Orationem saeram bene elaboratam memoriter recitavit. Er selbst bezeichnete die Inhalte des Gelernten als totes Wissen. „Ich hatte nun vom 6ten bis 23ten Jahre so mancherlei gelernt, freilich ungleich mehr Worte als Sachen.“ „Das Studium erfolgte in der lateinischen Gelehrtensprache der Zeit. Die Magisterprüfung, die Disputationen, die theologische Abschlussarbeit hatten alle, auch Zeller, in lateinischer Sprache zu absolvieren. Was Zeller vor anderen Studenten auszeichnete, waren seine Kenntnisse und Studien in lebenden Fremdsprachen. Das ist ungewöhnlich, denn die Sprachkenntnisse der Theologen beschränkten sich damals ganz auf die Alten Sprachen. Es scheint sich schon abzuzeichnen, dass die Theologie Zeller nicht ganz ausfüllte. Die Zitate in seiner wissenschaftlichen Abschlussarbeit zeigen jedenfalls, dass der Kandidat sich für die zeitgenössische Literatur, z.B. für Lessing, interessierte.

Vikar im mährischen Brünn

Nach seinem hervorragenden Examen ließ Zeller sich nicht als Vikar auf irgendein Dorf setzen, um die übliche Karriere im württembergischen Kirchendienst anzutreten. Auf Empfehlung seines Lehrers, Professor Storr, wurde ihm vielmehr das Vikariat in der ausländischen protestantischen Gemeinde im mährischen Brünn vermittelt. Diese Gemeinde war nach dem josefinischen Toleranzedikt, das außer der katholischen auch andere Konfessionen zuließ, von einigen wohlhabenden protestantischen Tuchmachern und Adeligen der Umgebung neu gegründet worden. Sie bauten in der Tradition der Mährischen Brüder unter großen finanziellen Opfern und mit Spenden aus dem evangelischen Ausland einen Betsaal und eine Schule für die wenigen verbliebenen evangelischen Einwohner in der Stadt Brünn und Umgebung. Die Leitung der Gemeinde wurde zwei Württembergern anvertraut, dem Pfarrer Victor Heinrich Riecke und seinem Vikar Carl August Zeller. Die beiden hatten freie Hand beim Aufbau der Gemeindestrukturen, zu denen eben auch die Einrichtung einer Elementarschule gehörte. Dazu holten sie sich einen pädagogischen Fachmann von der Reformschule des Philanthropen Salzmann im thüringischen Schnepfenthal. So entstand in Brünn eine fortschrittliche Reformschule, an der auch Zeller zu unterrichten hatte.

Jetzt zündete bei Carl August Zeller der pädagogische Funke. Seine praktische Tätigkeit regte ihn an zum Studium der theoretischen Schriften über Erziehung und Schule, die damals in großer Zahl auf dem Buchmarkt erschienen. Die Aufklärungspädagogik der Philanthropen wandte sich gegen den bisher herrschenden Schulhumanismus der Gelehrtenschulen. Die Philanthropen sahen in der Elementarschule ein Instrument der Volksbildung. Diskutiert wurde darüber, was Schule vor allem vermitteln solle: eine individuelle Menschenbildung oder die Ausbildung praktischer Fähigkeiten für das Leben, für die Gesellschaft. Zeller hatte es in Brünn mit Handwerker- und Bauernkindern zu tun.

Viel mehr als seine Predigten an die Erwachsenen interessierte ihn jetzt, wie er im Unterricht die sittlichen und intellektuellen Fähigkeiten der Kinder entwickeln könne. Den Schulunterricht nannte er die „Grundlage für eine bessere Zukunft“.

Ganz neue Wege ging Zeller, als er in Brünn im Jahr 1800 zusätzlich zur Elementarschule eine Sonntagsschule für Handwerksburschen einrichtete. Der Vikar erinnerte sich, dass in seiner württembergischen Heimat die jugendlichen nach ihrer Konfirmation am Sonntagnachmittag regelmäßig zur geistlichen Unterweisung in der Kirche versammelt wurden. Zellers neue Brünner Handwerkersonntagsschule allerdings sollte nicht der religiösen Bildung, sondern der Idee der Verbesserung der Menschheit durch Erziehung und Bildung dienen. Die jungen, im Beruf stehenden Erwachsenen, meist Zeugmachergesellen aus der Stadt, kamen freiwillig in großer Zahl in den evangelischen Betsaal zu Zeller, um sich an ihren freien Sonntagnachmittagen weiterzubilden. Die kaum schreibgewohnten, aber bildungshungrigen Handwerker lernten, Briefe zu schreiben und anspruchsvolle Texte zu verfassen. Sie wurden außerdem in Geographie, Naturlehre, Geometrie, Physik und Zeichenkunst unterrichtet. Gelernt wurde mit Hilfe einer kooperativen Unterrichtsmethode, denn zu den Erziehungszielen gehörte die Motivation der Schüler zur Hilfeleistung für andere.

Damit allen klar war, dass der Erfolg des Unterrichts einem gemeinsamen Interesse entsprang, entwickelten Schüler und Lehrer in demokratischen Verhandlungen eine „Sonntags-Schul-Ordnung“. Der Vertrag verpflichtete die Schüler zu regelmäßiger Teilnahme am Unterricht und zu einer öffentlichen Abschlussprüfung. Der Lehrer musste versichern, dass er pünktlich und gut vorbereitet, mit Aufgaben und Materialien versehen zum Unterricht erschien. Als sich die Zahl der Schüler rasch erhöhte, übernahm Zeller nur noch die Fortgeschrittenenklasse, die in der Form des Arbeitsunterrichts aufgeteilt war in kleinere Gruppen. In der Anfängerklasse wurden die Unterrichtsgruppen nach Anweisungen und mit den Materialien Zellers von „Gehülfen“ angeleitet, die aus dem Kreis der fortgeschrittenen Handwerksgesellen alle vier Wochen neu gewählt wurden. „Das Lehren“, so versicherte Zeller, sei „ein sicheres treffliches Mittel zum gründlichen Lernen“. Diese methodisch fruchtbare Erkenntnis wurde in Zellers Handwerkerschule erfolgreich erprobt.

Schon diese wenigen Einblicke lassen erkennen, welch fortschrittliche Schulpädagogik der junge Vikar damals schon in die Tat umsetzte. Das oberste Ziel seiner Sonntagsschule war es nach seinen eigenen Worten, die Schüler „zu selbsttätigen und selbstdenkenden“ Menschen zu verändern. Dieser Satz würde noch heute jeder Schule als pädagogisches Programm gut anstehen. Damals war er geradezu revolutionär.

Wanderjahre

Fünf Jahre dauerte die fruchtbare und innovative Tätigkeit Zellers in Brünn. So lange hielt er es später an keinem anderen Ort mehr aus. Er hatte in dieser Zeit Geld gespart, um eine pädagogische Bildungsreise anzutreten. Dabei wollte er unter anderem den Bruder Christian Heinrich in der Schweiz besuchen, der nach seinem juristischen Studium inzwischen in St. Gallen eine Schule leitete sehr zum Missfallen des Vaters. Dieser verstand es nie, dass zwei seiner Buben, die er zu Höherem, nämlich zur Theologie bzw. zur Juristerei bestimmt hatte, nur „Schulmeister worden sind“.

Auf seiner Reise in die Schweiz im Sommer 1803 zog es Carl August Zeller natürlich in erster Linie nach Burgdorf zu Pestalozzi. In Brünn hatte Zeller schon früher mit Pestalozzi korrespondiert und seine Schriften „Lienhardt und Gertrud“ und „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ gelesen. Er war fasziniert von der These Pestalozzis, dass Erziehung aus den Anlagen und dem Wesen des Kindes heraus geschehen müsse und als Höherbildung des Menschen nach den im Kinde angelegten Kräften zu verstehen sei. Zeller lernte und lehrte mehrmals in Burgdorf und Yverdon, und wurde einer der aktivsten Anhänger von Pestalozzi.

Dann musste sich allerdings nach einem Broterwerb umsehen. Den fand er im Herbst 1803 als Erzieher des reichen Patriziersohns Jonathan von Palm, dessen Studien er in Tübingen zu begleiten hatte. Die Arbeit mit Jonathan hat Zeller große Freude gemacht. Sie füllte ihn jedoch nicht aus. So fand Zeller genügend Zeit, um in Tübingen eine Armenschule und eine Sonntagsschule ganz nach dem Brünner Vorbild einzurichten und auf eigene Kosten zu betreiben unter dem Protektorat des dortigen Spezials Müller, seines Onkels mütterlicherseits. Carl August Zeller kann mit dieser Tübinger Sonntagsschule für Handwerker als der erste Gründer einer Art Berufsschule in Württemberg gelten.

Als Zellers Ziehsohn Jonathan von Palm an die Universität Leipzig übersiedelte, musste Zeller Tübingen verlassen. Er trat mit Palm 1804 eine Deutschlandreise über Nürnberg nach Leipzig und Dresden an. Bald aber trennte sich Zeller von Palm, um reformorientierten Bildungseinrichtungen in Norddeutschland und Dänemark einen Besuch abzustatten. Bei dieser Gelegenheit lernte er auch das Bildungswesen in dem kleinen Fürstentum Lippe-Detmold kennen, das die vormundschaftlich regierende Fürstin Pauline nach modernen Gesichtspunkten reformiert hatte. Pauline regierte damals das Land an Stelle ihres unmündigen Sohnes und genoss Respekt bei allen Monarchen Europas, sogar bei Napoleon. Vor allem erfreute sich die Regentin der Beliebtheit bei ihrem Volk. Sie schuf Wohlfahrtseinrichtungen und setzte die Bauernbefreiung durch. Die fortschrittliche Regentin suchte Berater für das zu ordnende Schulwesen. Deshalb korrespondierte sie mit Carl August Zeller und griff seine Ideen zu einer kindorientierten Volksschule begierig auf. Aus der Ferne wurde ihm 1805 sogar der Titel eines fürstlich-lippischen Erziehungsrats verliehen, was ihm zwar eine hohe Ehre, aber keinen materiellen Nutzen einbrachte.

Erneut stellte sich für Carl August Zeller die Frage des Lebensunterhalts. Er bekam zwar Gelegenheit, in der reformfreudigen Schweiz an verschiedenen Orten wie in St. Gallen, in Zürich und in Bern die Lehren Pestalozzis in den Schulunterricht und in die Lehrerbildung einzuführen, aber die Schweizer Kantons- und Stadtregierungen zierten sich, ihn fest anzustellen. So ließ er aus eigener Initiative neue Lehrmittel für den Unterricht drucken und veröffentlichte eine ganze Reihe von pädagogischen Schriften. Vor allem für den Lese- und Schreibunterricht fand er neue Wege, Kinder im Sinne Pestalozzis nicht nur mechanisch lernen zu lassen, sondern ihnen das Wesen ihrer Muttersprache anschaulich nahe zu bringen.

Dennoch - die Schweizer Jahre von 1805 bis 1808 waren eine unstete Zeit voller Ungewissheit. Nirgendwo fand Zeller eine feste Stelle, die seinen Fähigkeiten angemessen gewesen wäre. In Zürich leitete er zwar 1806 und 1807 sehr erfolgreich Fortbildungskurse für Schullehrer, bekam aber nichts dafür bezahlt. Schließlich erhielt er 1808 die Chance, in Hofwyl an dem europaweit bekannten Institut des Sozialreformers Fellenberg Lehrerbildungskurse zu halten. Carl August Zeller wurde der erste Leiter einer „Schulmeisterschule“, zu der viele angehende Pestalozzianer pilgerten, um die neuen Lehrmethoden zu erlernen. Im Ganzen durchliefen 250 Lehrer Zellers Kurse. Dabei war die gegenseitige Belehrung Unterrichtsprinzip, eine Methode, die sich gerade für die Lehrerbildung besonders gut eignet.

In diesem Zusammenhang eröffnete sich plötzlich für die bisher so unstete berufliche Existenz des Reformpädagogen eine neue Chance. Im Juli 1808 bekam Zeller hohen Besuch: Der württembergische König erschien mit seinem Gefolge in Hofwyl, um die Fellenbergschen Institute zu besichtigen. König Friedrich wollte damals sein Territorium neu ordnen, das er gerade mit Hilfe Napoleons auf Kosten vieler kleinerer reichsfürstlicher und reichsstädtischer Nachbarn verdoppelt hatte. Sein bisher eher kleines Herzogtum war 1806 Königreich geworden und zu einer wichtigen deutschen Mittelmacht aufgestiegen. Nun besuchte der Monarch auch die Schulmeisterschule Zellers und nahm überraschend fünf Stunden lang am Unterricht teil. Der württembergische Landesherr war vom Gesehenen und Gehörten so beeindruckt, dass er dem geborenen Württemberger eine attraktive Stelle in dessen Heimatland geradezu aufdrängte.

Schulreformer in Württemberg

Das Angebot König Friedrichs war für Carl August Zeller reizvoll, aber der württembergische Pestalozzianer war nicht so leicht zufrieden zu stellen. Zu lange hatte er in unsicheren Verhältnissen gelebt und war nicht nach seinen Leistungen bezahlt worden. Deshalb forderte er ein Gehalt, das über dem anderer Geistlicher und Schulinspektoren lag. Ihm war auch klar, welch schwierige Aufgabe vor ihm lag. Eine Lehrerbildung im Elementarschulbereich hatte es in Württemberg bisher noch nie gegeben. Die gering bezahlten und wenig angesehenen Dorf- und Stadtschulmeister wurden wie Handwerker als Lehrlinge und Gesellen ohne Ausbildung in ihren Beruf eingeführt. Deshalb schlug Zeller in einem Memorandum „Idee einer möglichst schnell sich verbreitenden Reform des Landschulwesens“ ein Seminar vor für angehende Lehrer und Ausbildungskurse für die schon im Amt stehenden Schulmeister.

Für sich selbst verlangte er Arbeitsbedingungen, die es ihm ermöglichten, möglichst viele württembergische Elementarschullehrer in seine Unterrichtsmethoden einzuführen. Ihm schwebte eine Stelle in der Schulbehörde in Stuttgart vor.

König Friedrich verfügte stattdessen eine Anstellung als Schulinspektor in Heilbronn. Der Monarch war nicht in erster Linie an Zellers Pädagogik interessiert. Ihm kam es nicht auf die Verbesserung des Unterrichts, sondern vielmehr auf die Vereinheitlichung des Schulsystems an. In seinem durch Napoleon auf das Doppelte vergrößerten Staat gab es große Verschiedenheiten zwischen den seit der Reformation eingerichteten Dorfschulen in Altwürttemberg und den Schulen in den neu hinzugekommenen katholischen Gebieten. Wieder anders waren die Bedingungen an den Bürgerschulen in den alten Reichsstädten und in den Dorfschulen der hohenlohischen Gebiete. König Friedrich plante also eher eine Vereinheitlichung des Schulwesens als eine Schulreform. Die einheitliche Lehrerausbildung, die Zeller anbieten konnte, kam der königlichen Regierung deshalb entgegen, weil sie eine gemeinsame Basis für alle unter dem Geistlichen Departement zusammengefassten Volksschulen schuf. Zellers Methode war konfessionsneutral und konnte an evangelischen Schulen genauso wie an katholischen Schulen angewandt werden.

Es war kein Zufall, dass Zeller gerade in der ehemaligen Reichsstadt Heilbronn angestellt werden sollte. Heilbronn war zum zentralen Verwaltungsort für das nördliche Neuwürttemberg ausersehen. Zeller wurde im Dezember 1808 angewiesen, dort seine Fähigkeiten praktisch unter Beweis zu stellen und sowohl eine Musterschule einzurichten als auch Kurse abzuhalten für fortbildungswillige Elementarlehrer sowie für evangelische und katholische Geistliche, die sich als Multiplikatoren eigneten. Die Heilbronner Kurse des „in sein Vaterland“ Heimgekehrten fanden regen Zuspruch und beeinflussten die Lehrart vieler Pädagogen in Württemberg. Zellers Hörer nahmen später wichtige Funktionen im württembergischen Schulwesen ein. Auch bei der Einrichtung der Musterschule hatte Zeller rasche Erfolge. In Heilbronn fand die Schule Zustimmung bei Eltern, die feststellten, dass die Kinder plötzlich gern in die Schule gingen.

Trotzdem hatte Zeller mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Zwar bekam er von seinen unmittelbar Vorgesetzten Oberkonsistorialassessor d'Autel und Prälat Christian Friedrich Duttenhofer von Heilbronn Unterstützung, aber es gab Widerstände an anderen Stellen: Oberamtmann Wächter sträubte sich, den für die Musterklasse vorgesehenen Raum in seinem Amtsgebäude im Heilbronner Rathaus zur Verfügung zu stellen.

So musste Zeller in das enge Schulgebäude in der Schulstraße einziehen, wo ihm wiederum von den alten Schulmeistern heftiger Widerstand entgegengesetzt wurde. Schwerwiegender noch war, dass es im Stuttgarter Ministerium von Anfang an konservative Vorbehalte gegen die Zeller'sche Methode gab, Vorbehalte, die drei Jahre später sogar zu einem behördlichen Verbot der Pestalozzi'schen Lehrart führten. Zu dieser Zeit war Pestalozzi aber aus den Köpfen und den Herzen vieler württembergischer Lehrer schon nicht mehr zu verdrängen. Und Zeller befand sich damals schon längst nicht mehr in Württemberg.

Noch bevor Zeller in Württemberg angefangen hatte, war im September 1808 ein Einladungsschreiben aus Preußen bei ihm eingetroffen. Er lehnte aber zunächst wegen der für Württemberg eingegangenen Verpflichtung ab, obwohl ihn der preußische Antrag nicht nur schmeichelte, sondern sogar besonders reizte.

Die preußischen Reformen

Nach der schweren Niederlage 1806 gegen Napoleon in der Schlacht bei Jena und Auerstedt hatte Preußen nicht nur seine westlichen Gebiete verloren, sondern musste sogar eine französische Besatzung dulden. Die königliche Residenz wurde von Berlin nach Königsberg verlegt. Dass es nicht noch schlimmer kam, war unter anderem der tapferen Königin Luise zu verdanken, die sich in Preußen einen legendären Ruf erwarb, weil sie durch persönliche Fürsprache beim französischen Kaiser mildere Bedingungen im Frieden von Tilsit 1807 erwirkte.

In dieser Situation fanden sich Persönlichkeiten, die aus der militärischen Niederlage eine Erneuerung des Staates und der Nation zu machen verstanden. Die Neuordnung des preußischen Staatswesens nach 1807 ist mit den Namen Stein und Hardenberg, Humboldt und Scharnhorst verbunden. Diese „Preußischen Reformen“ umfassten die Neuorganisation des Heeres, die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Gewerbefreiheit, eine selbstverantwortliche Städteordnung und die humanistische Universitätsreform. Es ist vielleicht weniger bekannt, dass auch eine breit angelegte Verbesserung der Volksbildung zu den zentralen Anliegen der Reformer gehörte. Alle Neuerungen hatten das eine Ziel, den schöpferischen Kräften des Volkes Raum zu geben und aus Untertanen selbstbewusste Subjekte mit einer staatsbürgerlichen Identität werden zu lassen. Dabei musste der Volksbildung eine wichtige Rolle zufallen.

Mit der Berufung Wilhelm von Humboldts zum ersten Kultusminister fand der preußische König 1808 den Mann, der in der Lage war, die Reform des preußischen Unterrichtswesens in das geistige Gesamtkonzept der Stein-Hardenberg'schen Reformen einzupassen. Da nicht nur die geistige Elite sondern das ganze Volk eine über das Lesen und Schreiben hinaus gehende Bildung bekommen sollte, wurde die Elementarschule zur Volksschule. Folgerichtig ging Humboldt daran, nicht nur die Universität und das Gymnasium, sondern das gesamte Unterrichtswesen im humanistischen Geist zu ordnen.

In jener Zeit gab es im Elementarschulbereich keine pädagogische Theorie, die dem Geist des Neuhumanismus besser entsprach als die einfache Weisheit Pestalozzis, dass jedes Kind, auch das ärmste, in sich das Wesen eines wertvollen Menschen trage und dass es die kardinale Aufgabe des Pädagogen sei, diese menschlichen Kräfte zu wecken. Pestalozzi war in Preußen längst kein Unbekannter mehr. Auch die Kunde von den revolutionären Unterrichtsmethoden der Pestalozzijünger war inzwischen nach Norddeutschland gedrungen.

Es war also naheliegend, dass Humboldt und seine schulpolitischen Berater Nikolovius und Süvern zuerst bei Pestalozzi nachfragten, wer denn am ehesten geeignet sei, in Preußen diese Methode in die Reform des Elementarschulwesens einzuführen. Keiner hatte sich in Theorie und Praxis so sehr um die Elementarschule gekümmert wie Zeller. So kam sein Name ins Spiel, und als der erste Einladungsbrief keinen Erfolg hatte, ließ man nicht locker, sondern fragte erneut bei Zeller an. Diesmal war Zeller von seinen Erfahrungen in Württemberg schon so enttäuscht, dass er den württembergischen König bereits nach einem knappen Jahr schulreformerischer Tätigkeit um Entlassung bat.

Regierungsrat in Königsberg

Anders als in Württemberg waren die geplanten Reformen in Preußen, wie wir gesehen haben, einer volkspädagogischen Gesamtkonzeption verpflichtet. Genau dies interessierte den Weltverbesserer Zeller. Er konnte König Friedrich Wilhelm sogleich praktische Vorschläge unterbreiten: In jeder preußischen Provinz solle ein Normalinstitut an einem Zentralwaisenhaus gegründet werden. Das Normalinstitut wurde so bezeichnet, weil es Normen setzte für einen pädagogisch geprägten Unterricht im ganzen Land. Der Unterricht an solchen Musterschulen sollte der schulpraktischen Aus- und Weiterbildung von Lehrern und der Unterweisung von Geistlichen dienen, die in der Schulaufsicht standen. Das Zentralwaisenhaus hielt Zeller für besonders gut geeignet, um seine These zu untermauern, dass Erziehung die in jedem Kind angelegten Gaben wecken könne, und um Bildungsreserven zur Auslese künftiger Landschullehrer zu gewinnen. Ergänzend formulierte Zeller auch seine persönlichen Forderungen: Anstellung auf Lebenszeit mit Pensionsanspruch sowie Ernennung zum Mitglied der Schulaufsichtsbehörde. Der König stimmte den Vorschlägen und Forderungen Zellers zu. So wurde der württembergische Pädagoge am 9. Juni 1809 zum preußischen Regierungsrat ernannt „mit Sitz und Stimme in der Regierung jeder Provinz, in welcher er sich zur Organisierung der gedachten Anstalten jedes Mal befinden wird.“

Nach dem Verlust der westlichen Provinzen des Königreiches hatte die königliche Familie ihre Residenz nach Königsberg verlegt. Auch die Ministerien waren von Berlin in das raue Klima der ostpreußischen Krönungsstadt am Frischen Haff umgezogen. Man empfing Carl August Zeller dort mit großen Erwartungen, denn Pestalozzi hatte in den gebildeten Kreisen des Hofes bereits vorher einen guten Ruf. Mit neuem Mut und voller Pläne machte sich der Schulreformer an die Arbeit. Die Räume des Waisenhauses und ein Teil der Zöglinge wurden ihm zur Verfügung gestellt für eine neu zu gründende Internatsschule. Er durfte sich 32 Schüler im Alter von 7 bis 10 Jahren aussuchen. Und er wählte bewusst eine besonders schwierige Mischung aus verwahrlosten Straßenkindern und verwöhnten Prominentensöhnen, um die Wirkung seiner Methode und den Erfolg seiner Erziehung nachweisen zu können.

Nun konzentrierte der neue preußische Regierungsrat alle seine bisherigen Erfahrungen und all seine pädagogische Wirkungskraft auf seine beispielgebende Musterschule, deren Leitung er persönlich übernahm. Sie sollte ein Vorbild werden für alle preußischen Elementarschulen, und sie sollte den Höhepunkt seines Lebenswerkes markieren.

 

Die Musterschule

Was war das Besondere am Zeller'schen Normalinstitut?

Mehr Fächer als in den gängigen Klippschulen gab es jedenfalls. Auf dem Plan standen neben Schreiben, Lesen und Religion auch Arithmetik, Geometrie, Sprachlehre, Rhythmik, Singen, Erdkunde, Turnen und (in Preußen wichtig) Exerzieren, schließlich als praktisches Fach Gartenbau. Für alle Fächer entwickelte Zeller Unterrichtsmaterialien.

Und dann die Unterrichtsorganisation. Sie war merkwürdig genug. Die Schüler saßen nicht in Reih und Glied, sondern bildeten Gruppen, die sich je nach Fach anders zusammensetzten. Es galt das Prinzip der gegenseitigen Unterweisung. Das bedeutete, dass die Gruppen nicht leistungshomogen sein durften. Vielmehr sollten die Fortgeschrittenen die schwächeren Schüler persönlich betreuen und fördern. Je nach Leistungsfortschritt konnte die Rangordnung unter den Schülern auch wechseln. Jeder hatte seinen Kasten mit Unterrichtsmaterialien und sein bewegliches Stühlchen, mit denen er sich zu der ihm zugewiesenen Gruppe gesellen konnte. Der Lehrer, also Zeller selbst, stellte lediglich die von ihm vorbereiteten Unterrichtsmaterialien zur Verfügung und überwachte dann den Unterrichtsfortschritt. Zwischendurch wurde die ganze Klasse zur Stillarbeit aufgefordert. Solange holte Zeller aus jeder Gruppe seine jungen „Unterlehrer“ zusammen, um ihre Fragen zu beantworten und sie über den Fortgang und das Ziel der Unterrichtseinheit zu informieren.

Auch in der Erziehung ging Zeller neue Wege: Wichtig war ihm der ganze Mensch. Also gehörten sowohl die religiöse Erziehung wie die Körperpflege zum pädagogischen Konzept. Weniger durch Religionsunterricht als durch tägliche Andachten wurde die religiöse Erziehung praktiziert. Die christliche Lehre war wichtig, wurde aber den Kindern nicht über den Katechismus, sondern über biblische Geschichten nahe gebracht. Ebenso geschah die Gesundheitserziehung durch praktische Anwendung: Jeden Morgen wuschen sich die Schüler unter Aufsicht und in Reih und Glied stehend mit Schwamm und kaltem Wasser.

Für das Zusammenleben wurden Gesetze aufgestellt. Was die Schuldisziplin betraf, so hatte jeder Schüler dasselbe Mitspracherecht bei der Erstellung der Schulordnung und bei der Maßreglung solcher Schüler, die gegen die Statuten verstießen. Es ging also sehr demokratisch zu, was durchaus nicht bedeutete, dass keine Disziplin herrschte. Im Gegenteil, Sauberkeit und Ordnung wurden gegenseitig streng überwacht. Zeller neigte selbst zu Strenge, die sich nicht in Schlägen äußerte, sondern die Kinder seelischen Torturen unterwarf. Manche übertriebene Erziehungsmaßnahme Zellers, wie z.B. Bußübungen und nächtliche Strafgerichte, wurden von seinen Kritikern später genutzt, um ihn in Misskredit zu bringen.

Auf jeden Fall gelang Zeller im Königsberger Normalinstitut eine erstaunlich fortschrittliche Erziehungs- und Unterrichtspraxis. Erziehungsziele wie Selbständigkeit, Selbstverantwortung, Sozialkompetenz, mündiger Bürger, Lernfähigkeit stehen auch heute noch auf den Agenden von Schulreformern. Wie war es möglich, dass ausgerechnet im traditionsbewussten, militärisch getrimmten Preußen solch unerhörte Neuerungen eingeführt werden konnten? Das ist nur zu erklären mit der allgemeinen Aufbruchsstimmung, die im ganzen Lande und bei der königlichen Regierung nach der Demütigung durch Napoleon herrschte.

Den Reformer aus der Schweiz empfing man in Königsberg wie einen Heilsbringer. Carl August Zeller wurde zu Vorlesungen über Kindererziehung und schulische Volksbildung aufgefordert. Ministerialbeamte und ihre Frauen, Generäle und Teile der königlichen Familie erschienen zu Zellers pädagogischen Vorträgen. Besonders Prinzessin Luise von Preußen, eine Nichte Friedrichs des Großen, verheiratet mit dem Fürsten Anton von Radziwill, war begeistert. Sie schickte ihre eigenen Söhne zu Zeller in die im Königsberger Waisenhaus neu eröffnete Klasse des Normalinstituts und versuchte nach der Rückkehr des Hofes in die Berliner Residenz mit Hilfe eines von Carl August ausgebildeten jugendlichen Gehilfen den Unterricht im Sinne Zellers selbst weiterzuführen. Ihre Briefe an Carl August Zeller zeugen von großer Bewunderung für den Pädagogen. Prinzessin Luise Fürstin Radziwill übernahm später sogar die Patenschaft für Zellers ersten Sohn Paul.

König Friedrich Wilhelm III und Königin Luise besuchten kurz vor ihrer Rückkehr nach Berlin im Dezember 1809 den Unterricht in der Musterschule Zellers. Der König schrieb ihm danach: „Fahren Sie fort, sich durch rastloses Bemühen um den Segen der Mit- und Nachwelt so verdient zu machen, als der von Ihnen gemachte schöne Anfang mit Recht erwarten lässt“. Die Königin schenkte dem Pädagogen als Zeichen der Anerkennung einen Saphir-Ring, der bis heute von seinen Nachkommen aufbewahrt wird. Luises Sohn Wilhelm, der spätere erste Hohenzollernkaiser, nahm damals am Unterricht Zellers teil undformulierte ein kindlich rührendes Dankschreiben an „Vater“ Zeller. Auch das Urteil Wilhelm von Humboldts fiel sehr positiv aus.

Schulinspektionen und Pensionierung

Der königliche Hof und die Ministerien zogen im Winter 1810 wieder um nach Berlin. Zurück in Königsberg blieb Zeller und eine Provinzialregierung, die ihm gar nicht gut gesonnen war. Er musste sich in seiner Schule bürokratische Maßregelungen gefallen lassen. Immer heftiger wurde in den konservativen Kreisen die Kritik, die auch nach Berlin weitergemeldet wurde.

Schließlich war Zeller froh, zu Schulinspektionen und zur Gründung weiterer Normalinstitute hinaus nach preußisch Litauen und in die westpreußische Provinz geschickt zu werden.

Die Schaffenskraft und die Reisefreudigkeit des Reformpädagogen sind zu bewundern. Nur damit lässt sich erklären, dass Zeller in einer verhältnismäßig kurzen Wirkungszeit es tatsächlich schaffte, seiner Pädagogik zum Durchbruch zu verhelfen. Zählen wir jetzt nur einmal die Orte auf, in denen Zeller Schulen reformiert oder weitere Normalinstitute gegründet hat, und stellen wir uns vor, welche Entfernungen mit der Kgl. Preußischen Post er dabei zurücklegte: Zeller reiste mitten im Winter 1811 nach Braunsberg, dann nach Pillau, Elbing, Marienburg und wieder nach Braunsberg, wo er ein Normalinstitut eröffnete.

In Marienburg lernte der 37-jährige Junggeselle die 18 Jahre jüngere Charlotte Rottmann aus Dirschau kennen. Nach kurzer Verlobungszeit wurde er am 15. Mai 1811 mit ihr getraut. Charlotte begleitete ihn im Sommer bis nach Karalene bei Insterburg, wo ein weiteres Normalinstitut gegründet wurde und wo am 7. März 1812 Zellers erster Sohn Paul zur Welt kam. Im Sommer 1812 waren trotz der Schwierigkeiten beim Durchmarsch der großen Armee gegen Russland die Städte Tilsit und Memel an der Reihe. Ohne seine Familie besuchte Zeller mitten im Winter während der Kriegswirren Braunsberg, dann Königsberg, Marienburg, Mirotken, Borkau, Marienwerder und Münsterwalde.

Jetzt wurde es auch der jungen Frau Charlotte zu viel, und als man ihm zumuten wollte, auf gleiche Weise auch Pommern zu bereisen, richtete Zeller Ende 1813 ein Gesuch an Friedrich Wilhelm III. mit der Bitte, ihn aus dem aktiven Dienst zu entlassen und ihm das Staatsgut Münsterwalde an der Weichsel, 60 km südlich von Danzig, zu überlassen. Die Bitte wurde wohl auch deshalb gewährt, weil man inzwischen den ungebremsten Reformeifer Zellers zu fürchten begann, zudem wurden andere Probleme nach dem gescheiterten Russlandfeldzug Napoleons politisch vorrangig.

Bevor der Frühpensionär das Gut Münsterwalde endgültig bezog, standen noch weitere ostpreußische Inspektionsreisen auf dem Programm und sogar mitten in den Kriegshandlungen der Befreiungskriege eine Urlaubsreise mit Frau und Kind nach Süddeutschland und in die Schweiz. In Ludwigsburg besuchte man die Schwägerin  und in Zofingen im Kanton Aargau den Bruder und Schuldirektor Christian Heinrich Zeller. Offenbar hielt der unstete Reformer bereits Ausschau nach neuen Tätigkeitsfeldern.

Im Schlossgut Münsterwalde begann vorübergehend eine ruhigere Zeit. Wie einst sein Vater bewirtschaftete Zeller unterstützt von einem Gutsverwalter einen Landwirtschaftsbetrieb mit zahlreichen Stallungen, mit einem 5 Morgen großen, schönen Park und mit 400 Morgen Ackerland. Viel wichtiger war ihm die Fortsetzung seiner schriftstellerischen Tätigkeit und die privat betriebene Beratung der Schulen in der Umgebung. Auf die Dauer aber konnte ihn diese zurückgezogene Tätigkeit nicht befriedigen, deshalb verpachtete er das Gut und zog mit seiner inzwischen auf neun Personen angewachsenen Familie in die westlichen Provinzen des Königreiches in der Hoffnung, dort wieder in die Schulbehörde zurückkehren zu können.

Aber die Reformzeit war vorbei, und die Neupreußen in den Rhein­provinzen hatten ihre Vorbehalte gegenüber dem in Ostpreußen so erfolgreich gewesenen süddeutschen Sonderling. Die Zeit der Restau­ration war angebrochen, da waren liberale Reformen nicht mehr gefragt. Auch F.A.W. Diesterweg hatte 1820 bei der Gründung eines Lehrerseminars in Moers große konzeptionelle Schwierigkeiten mit der Provinzialregierung auszufechten. Zeller versuchte mit ihm in Kontakt zu kommen. Das Ministerium erlaubte jedoch die Mitarbeit Zellers in Moers nicht.

So versuchte der Frühpensionär wenigstens durch seine Veröffentlichungen noch Einfluss zu nehmen. Seine schriftlichen Entwürfe gingen damals über den Bereich des Schulwesens hinaus. Für Heeresminister General Boyen verfasste er ein Handbuch zur Ausbildung polnischer Soldaten für die preußische Armee. Er entwarf ein Konzept zur Umwandlung von Strafgefängnissen in Besserungsanstalten und machte Vorschläge zur Gründung eines Gemeindekreditvereins als Genossenschaftssparkasse. Für die Erziehung von Kindern in gemischt-konfessionellen Familien gab er Ratschläge in seinem Aufsatz „Die katholische Mutter und der evangelische Sohn“. Schließlich veröffentlichte der Anhänger Hufelands ein kleines Büchlein mit dem Titel „Vom Segen der Hautpflege“, in dem er über eigene Erfahrungen zur gesunden Lebensführung berichtete.

Mit seiner großen Familie war Zeller auch in diesen Jahren ständig unterwegs. Er zog zunächst nach Köln, dann nach Bad Schwalbach, nach Bad Kreuznach, nach Wetzlar und schließlich nach Bonn, um dort seinem einzigen Sohn das Studium zu ermöglichen. Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau am 23.1.1833 wäre er gerne nach Württemberg zurückgekehrt, aber dazu war die Abwicklung seiner Pensionsansprüche und der Verkauf seines Gutes nötig, und dagegen hatte der preußische Fiskus Einwände. Erst nach langen Verhandlungen konnte eine Regelung getroffen werden, die es dem preußischen Staatspensionär gestattete, ins württembergische Ausland zu ziehen.

Kinderrettungs- und Armenschullehreranstalt Lichtenstern

1834 zog der Witwer mit seiner siebenköpfigen Familie in eine Mietwohnung nach Stuttgart. Und noch einmal erwachte im 60 Jährigen der pädagogische Tatendrang. Das kam so: Sein Bruder Christian Heinrich Zeller leitete inzwischen in Beuggen bei Basel im Auftrag der Christentumsgesellschaft (Basler Mission) die in ganz Württemberg berühmte Kinderrettungs- und Armenschullehreranstalt. Dort wurden in einem christlich geführten Waisenhaus Lehrer im Pestalozzischen Erziehungsstil ausgebildet, die später als Dorfschulmeister einen volksmissionarischen Auftrag erfüllen sollten. Carl August Zeller besuchte seinen Bruder von Stuttgart aus und war von dem, was er dort zu sehen bekam, begeistert. Erziehung mit Herz und Erziehung im Geist der Familie, diese Ideen Pestalozzis sah der Besucher in Beuggen verwirklicht. Die Kinderrettungsanstalt wurde als großer Familienbetrieb von Vater Christian Heinrich und Mutter Sophie Zeller geleitet, und wie in einer großen Familie gestalteten sich auch Erziehung und Unterricht.

Carl August Zeller hatte seine Musterschule eher wie eine Kadettenanstalt geführt. Da ihn nach jahrelanger praktischer Abstinenz sowieso Selbstzweifel plagten, glaubte Carl August in der erfolgreichen Arbeit seines Bruders nun das Ideal gefunden zu haben. Auch Pestalozzi selbst hatte ja bei einem Besuch in Beuggen ausgerufen: „Das ist es, was ich wollte!“

Zufällig las Carl August Zeller damals im Württembergischen Staatsanzeiger, dass das Kloster Lichtenstern bei Löwenstein zum Verkauf stünde. Zusammen mit Justinus Kerner aus Weinsberg besichtigte er das in einem lieblichen Tal gelegene ehemalige Nonnenkloster und fand es trotz der verfallenen Gebäude für eine nach dem Muster Beuggens zu gründende Kinderrettungs- und Armenschullehreranstalt geeignet. Es gelang Zeller, einen örtlichen Förderverein zu aktivieren und dem Finanzministerium einen Preisnachlass abzuhandeln. Einen Teil des Anwesens kaufte er mit seinem eigenen Vermögen.

Am 1. Mai 1835 zog der Anstaltsgründer und erste Leiter mit seinen Töchtern in Lichtenstern ein. Die Gebäude wurden gerade für einen Hausvater, eine Hausmutter und 20 Zöglinge hergerichtet, und die halb zerstörte Kirche, an der Zeller als Pfarrer angestellt wurde, war wieder verwendbar gemacht worden. Zeller hoffte, von Lichtenstern aus auch wieder Fuß zu fassen in der Ausbildung württembergischer Lehrer nach seiner Methode. Schon Vor Eröffnung der Anstalt erteilte er im Löwensteiner Schulbezirk entsprechende Fortbildungskurse.

Die Anstalt konnte am 1. Januar 1836 eröffnet werden, aber Zeller hatte damit wenig Glück. Überall gab es Schwierigkeiten: Die Frau des jungen Hausvaters erwies sich als untauglich, mit dem im Kloster wohnenden Förster gab es Streit, der Vorstand des pietistischen Fördervereins war mit einigen Maßnahmen Zellers nicht einverstanden, das Finanzministerium hatte Einwände dagegen, dass ein preußischer Staatsbürger ein württembergisches Institut leiten sollte. Verärgert kehrte Zeller schon nach einem Jahr nach Stuttgart zurück. Nach ihm übernahm Ludwig Völter, der Schwiegersohn Christian Heinrich Zellers, die Anstalt Lichtenstern und führte sie zum Erfolg. Sie wurde erst 100 Jahre später von den Nationalsozialisten geschlossen. Heute befindet sich dort eine Internatsschule für Behinderte.

Was bleibt von Carl August Zellers Lebenswerk?

Ein unstetes Leben ging am 23. 3.1846 in Stuttgart zu Ende. Das Urteil der Mitwelt und der Nachwelt über den Pädagogen Carl August Zeller ist geteilt. Er war einer von den Weltverbesserern, die hochgesteckte Ziele und hehre Ideale nicht vollständig verwirklichen konnten. Aber man darf trotz der vielen Abbrüche in seinem Leben das Bestreben Zellers nicht als gescheitert betrachten. Überall, wo Zeller wirkte, in Brünn, in der Schweiz, in Württemberg und in Preußen hat er deutliche Spuren hinterlassen. Die Erziehungslehre Pestalozzis hätte an den Schulen in Württemberg und Preußen im 19. Jahrhundert ohne Carl August Zeller nicht in solchem Maße Eingang finden können.

Wenn seine Unterrichtsmethoden nicht beibehalten werden konnten, so lag das daran, dass er nirgendwo Abstriche machte an seiner pädagogischen Überzeugung und an seinem Anspruch, dass der Pädagoge die Grundlage für eine bessere Zukunft zu legen habe. Gemessen an seinem erklärten Ziel, die Schüler zu „selbstthätigen und selbstdenkenden Menschen zu verändern“, kann seine Pädagogik heute noch als modern angesehen werden.

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Anhang
Ausgewählte Briefe aus dem Archiv für Familienforschung der Werner-Zeller-Stiftung

 

Nr. 1
(AfF 75 I 12/10)
Pauline Fürstin zur Lippe
geb. 23.2.1769
an Carl August Zeller
19.6.1809 58)

(...) gewiß werden Sie, lieber Herr Consistorialrath sich eng, fest, unauflöslich an Nicolovius und Süvern binden und den gewissen Vortheil benützen, von diesen Männern eine treue Charte des Bodens zu erhalten, auf dem Sie zu würcken haben, durch Sie sich manchen trüben Moment, manches Misslingen manchen Aufenthalt ersparen zu können. Möge denn an Preußens pädagogischem Himmel bald danckbar ein Seegen verbreitendes hell leuchtendes neues Gestirn, allgemein beachtet verehrt und der Humbbalt (sic) benannt werden. Dass ich dazu wie zu allem guten nah oder fern gern beitragen möchte bedarf das einer Entschuldigung? Und so verstehen Sie ganz den inliegenden (...) Brief, den ich Sie ersuche dem Staatsrath Süvern persönlich zu übergeben. Seegen über Sie und Freude mit Ihnen dass Sie zur Genugthuung gelangten. Ihre letzte Zeit im Vaterlande ist so schön zu bezeichnen, so merckwürdig nützlich zu machen. Dass es Ihnen Mühe und Anstrengung kostete, das bedaure ich nicht, das freut mich doppelt, denn Sie sehen es wohl, ich bin eine ziemlich spartanische Mutter. Diesen ging nichts über Ruhm und (Lücke) lichkeit edler Söhne. Und so sieht denn auch (Lücke) wünschend (Lücke) für Sie zum Himmel empor
Detmold den19. Junius 1809
Ihre aufrichtig ergebene Freundin Pauline

 

Nr. 2
(AfF 75 I 1/3)
Prinzessin Luise von Preußen Fürstin Radziwill
geb. 24.5.1770
an Carl August Zeller
28. 11. 1809

Lieber Herr Zeller! ich habe gestern abend meinen (Lücke) gesprochen. Sie (sc. Königin Luise) wird mit Herrn von Humboldt übereinkommen einen Tag zwischen dem 1ten und 8ten December zu bestimmen, wo sie und ohne Zweifel der König auch Ihnen einen Besuch abstatten werden: Vorher wird die Königin sich erkundigen, ob es dem König angenehm wäre allein der Prüfung beizuwohnen, oder ob man es einigen anderen erlauben würde ihn zu begleiten. Dieses erfahren Sie dann durch H. von Humboldt : ich sprach gestern diesen lange über Ihre Lage und bin da­rüber recht sehr beruhigt, er fühlt so ganz ihren Werth, Ihre Aufopferun­gen, ihren beglückenden Einfluß auf das Wohl der Menschheit, dass er gewiß vor seiner Abreise alles so einrichten wird, Ihnen hier einen ungestörten Wirkungskreis zu laßen, und alles aus dem Weg zu räumen, was sich Ihrem großen und edlen Zweck entgegenstellt: Möchte doch diese Versicherung die mir so tröstend war auch sie über ihre Zukunft beruhi­gen. Mit Vergnügen ergreife ich diese Gelegenheit Ihnen recht herzlich für Ihren gütigen Unterricht zu danken, und Sie werther Herr Zeller von der Anhänglichkeit, Dankbarkeit und Verehrung zu versichern mit der ich mich nenne
Dienstag, den 28. 9ber (November) 1809
Ihre dankbare Luise von Preußen

 

Nr.3
(AfF 75 I 6/1)
König Friedrich Wilhelm III. von Preußen
an Carl August Zeller
14.12.1809

Königsberg
d. 14ten Dezbr. 1809
Sie haben mich auf eine recht originelle Weise durch das, was Sie ein Wort aus Ihrer Kinderwelt nennen überrascht. Danken Sie Ihren kleinen Zöglingen in meinem Namen für ihre Herzlichen einfachen Äußerungen der Liebe u. Dankbarkeit, die mir recht viel Freude gemacht haben, u. fahren Sie fort, sich durch rastloses Bemühen um den Seegen der Mit- und Nachwelt so verdient zu machen, als der von Ihnen gemachte schöne Anfang mit Recht erwarten lässt. Meinerseits soll es Ihnen in diesem Fall gewiß nie an Unterstützung fehlen.
Friedrich Wilhelm

 

Nr. 4
(Kopie AfF 75 11/3)
Königin Luise von Preußen
an Carl August Zeller
14.12.1809

Gott Seegne Sie Edler Mann, und Ihr Ewigkeits-Werk, welches Sie uns so rührend in Tage Werken zeigen. Gott Seegne Sie und die Generation die Sie veredeln u. gewiß bessern. O! müßten Sie nur nicht darben Sie die das Gute mit vollen Händen ausstreuen! Ich weiß dass diese Klage Sie gewiß nicht irre macht in Ihrer großen Laufbahn, aber mir liegt es schwer auf dem Hertzen u. ich ruhe nicht bis ich wenigstens versucht habe etwas zu Ihrer irdischen Glückseligkeit beigetragen zu haben. Die jenseits ist Ihnen gewiß. - Ich feyerte einen schönen Gottesdienst in Ihrer Anstalt. Ich liebte Gott in den Menschen wie noch nie, und fühlte seine Nähe und seyn Geist war mitten unter uns. Er stärke Sie und lohne Ihnen, denn Menschen können es nicht.
Luise
Königsberg, d. 14. Xber 1809

 

Nr. 5
(AfF 75 I 4/1)
Prinz Wilhelm von Preußen (später Kaiser Wilhelm I.)
geb. am 22.3.1797
an Carl August Zeller
28.12.1809

Lieber Vater Zeller!
Ich danke Dir von ganzem Herzen für das Gute, das Du uns erwiesen hast, indem Du uns in den Bund mit Gott aufgenommen, und uns mit Deiner Methode bekannt gemacht hast. Ich denke noch oft an die Tage mit Freuden zurück, die wir im Institute zugebracht haben und besonders an den letzten. Er soll mir unvergeßlich sein. Ich bitte Dich, den Herrn Grieb, Funk, Schirmacher, Kolbe und das ganze Institut zu grüßen. Lebewohl, lieber Vater,
Dein Dich liebender Sohn
Wilhelm

 

Nr. 6
(AfF 75 I 5/1)
Wilhelm von Radziwill geb. am 19.03.1797
an Carl August Zeller
28.12.1809

Lieber Vater Zeller
Wie befindest Du Dich? Ich danke Dir sehr für das Gute, was Du mir erwiesen hast, und was ich bei Dir gehört habe, ich werde mich bemühen alles dieses zu bevolgen. Behalte mich in Deinem lieben Andenken, und grüße den Herrn Griebe, Herrn Funk, Herrn Kolbe, und das ganze Institut. Adieu lieber Vater, vergiß nicht
Deinen Sohn Willi
Berlin den 28. Dezember 1809

 

Nr. 7
(AfF 75 I 5/1)
Ferdinand von Radziwill
geb. am 22.08.1798
an Carl August Zeller
28.12.1809

Lieber Vater Zeller,
Nimm den herzlichen Dank an für die Güte, die Du für mich gehabt hast, und auch für die guten Vorschriften, die Du mir gegeben hast und die bey mir sehr viel gutes gewirkt haben. O wie sehr schätze ich den Tag an dem Du mich vor Gott brachtest und mich mit ihm bekannt gemacht hast. Unvergeßlich soll mir Dein Andenken sein, so wie besonders der letzte Tag, den ich im Institut zubrachte.
Lebewohl, lieber Vater, grüß von mir das ganze Institut.
Ich bin und bleibe stets Dein Freund Ferdinand
Berlin, den28 December 1809

 

Nr. 8
(AfF 75 I 1/5)
Prinzessin Luise von Preußen Fürstin Radziwill
geb. 24.5.1770
an Carl August Zeller
15.1.1810

Spätere handschriftliche Notiz von Carl August Zeller: Friederike Dorothea Luise, geb. 24 Mrz 1770 (Gemahlin des Fürsten Anton Radziwill + 7. April 1833, Tochter des Prinzen August Ferdinand Bruder des Königs Friedrich Wilhelm II.)

Berlin, den 15. Januar 1810
Innig hat mich heute früh als ich ihn empfing Ihr Brief, vortrefflicher Mann, gerührt und erschüttert, ich sehe daß Sie die(?) so ganz dem Glück der Menschheit leben, so ganz sich ihrem hohen Zweck aufopfern, zu wenig Rücksicht auf sich selbst nehmen, zu wenig bedenken daß in Ihnen, und nur in Ihnen der Fortgang Ihres großen Werks beruhet; wenn Sie zu sehr sich anstrengen, wenn Ihre Kräfte unterliegen - was wird aus dem allen werden - ? Schonen Sie sich lieber Zeller und entziehen Sie sich allen nicht durchaus nothwendigen Geschäften: Daß die Versammlung deren Mitglied ich das Glück hatte zu sein darauf gedrungen hat, ihre Vorlesungen einzustellen freut mich herzlich von den Damen; ich bitte Sie lieber Zeller antworten Sie mich nicht. Ich werde mich sonst ein Gewissen daraus machen Ihnen wieder mit einem Brief beschwerlich zu fallen: und sollte wohl eine Antwort nöthig sein, so geben Sie der Fr. von Schrötter den Auftrag, die es gewiß treulich bestellen wird: ich danke es herzlich der guten Schrötter, daß, da es nöthig wäre, sie Ihnen über meine treue Erfüllung des gegebenen Versprechens, beruhigt hat. - Niemand ich sage Niemand , meine eigenen Eltern nicht ausgenommen, hat jeh unserer kleinen Schule (Pritiatunterricbt der Söhne) beigewohnt: der Dr. Janka und H(err) Royer der mit seinem Bruder seit ihrer ersten Kindheit bei meinen Kindern ist, und ein Mann von ausgezeichneten Werth ist, auch durch Hasses (nach Berlin mitgereister Schüler Zellers) musterhaftes Betragen ganz für ihn und Ihnen eingenommen ist sind die einzigen Menschen, die bei den Lehrstunden zugegen waren: einige haben den Wunsch geäußert, sich durch den Unterricht der meinen Kindern ertheilt würde, näher mit Ihren Methoden bekannt zu machen. Da ich aber antwortete, daß ich dies aus Achtung für Ihnen nicht gestatten könnte, da das wenige was schon bei uns geschen wäre äußerst mangelhaft und deswegen nur eine unvollkommene Begriff geben könnte, der der guten _Sache ehr schädig als nützlich wäre - so ist alles weitere Forschen unterblieben, und die augenblickliche Neugierde ist unterdrückt und findet wenig Stoff in meinem Hause, da ich die sogenannte Gelehrtenwelt, die Sie wohl am ungeduldigsten erwartet, wenig kenne, und außer einiger Königsberger Bekannte die Ihre Freunde sind, auch selten sehe - Die Berliner haben dann das Eigenthümliche, was vielleicht den Charakter aller Bewohner großer Städte bezeichnet, sie interessieren sich lebhaft für oder gegen etwas, aber die Gegenstände wechseln so schnell, daß ihr Eifer nur einer auflodernden Flamme gleicht, und ich kann Ihnen beinah versichern daß Sie von hier nichts zu befürcheten haben; im Ganzen nehmlich daß nicht der eine oder andre Gelehrten selbst ohne Sie zu kennen über Ihren Werth entscheidet, das denke ich wird auf Sie und auf Ihren großen Zweck keinen Einfluß haben. Sind Sie erst hier, wo es schon so allgemein bekannt ist wie sehr Sie das sonst nicht so leicht zu erhaltende Zutrauen des Königs gewonnen haben, wo alle ihre Freunde/ und Sie haben deren gewiß hier recht viele/ auf allen Fragen, auf allen Einwürfen nur antworten werden, seht selbst, überzeugt euch, dann urtheilt; Hier finden Sie weit weniger Schwierigkeiten, wie ich selbst mir erst dachte; und Sie dürfen gewiss auf eine frohe Zukunft rechnen, die eine süße Belohnung Ihrer jetzigen Existentz sein wird. - Ich möchte so gern etwas zu Ihrer Beruhigung beitragen und schreibe als spräche ich zu Ihnen, ohne zu bedenken, daß mein langer Brief eine Unbescheidenheit ist, und daß ich doch so manches Ihnen noch Sagen muß. Beruhigen Sie sich ganz über unsere kleine Schule und lassen Sie zu so viel Sorgen nicht diese noch hinzukommen. In sittlicher, moralischer, religiöser Hinsicht bin ich äußerst glücklich dankbar gegen Gott und Sie vortrefflicher Mann. Ich kann Ihren Einfluß auf das Gemüth der Kinder nicht genug Seegnen, denn selbst in ihren Fehlern, in den Strafen, die auferlegt worden in dem tiefen, tiefen Kummer meines Ferdinands als er eines Tages das schwarze Band bekahm, sah ich ganz das Bild des guten Kleinen, der durch seine Reue mich so innig an jenem Tage rührte als Sie mir erlaubten Theil an Ihrer Andachtsübung zu nehmen -. Unvergeßlich wird mir stets dieser Augenblick bleiben und nie denken meine Kleinen ohne Rührung an ihn zurück - Das jetzt so thätige Leben meiner Söhne, ihr frühes Aufstehen, ihr froher Sinn und alle angewendete Aufmerksamkeit geben uns die gegründetste Hoffnung daß keine andre Mittel nöthig sein werden um dem schrecklichen Übel (gemeint ist die nächtliche Selbstbefleckung) zu steuern. Schon durch die Kanzlern (Frau des Kanzlers Schrötter) hörte ich wie hartnäkig Heimanda (?) im Bösen ist - und recht neugierig bin ich zu sehen ob Sie diese Seele retten werden: ich sah auf wenig Kindergesichtern einen solchen tiefen Ausdruck von Verworfenheit.
Bestimmen Sie selbst den Tag von Hassens abreisen; ich werde von hier bis Anfang Februar eine sichere Gelegenheit suchen und bloß Ihre Antwort oder die der Kanzlern erwarten um ihn den guten vortrefflichen Jungen zurückzuschicken ungern, sehr ungern trenne ich mich von ihm, denn nie können meine Kinder einen mir liebern Gesellschafter haben, und ich selbst bin ihm so herzlich gut; Der Dr. Janka wird nun gleich anfangen mit Hassen die Stufen durchzugehen, die er nicht glaubt in der noch übrigen Zeit mit den Kleinen erreichen zu können. Da wird denn der Doktor ganz im stande sein in der ersten Zeit fortzufahren und ich werde ihm beistehen, und den Schreib- und Zeichenunterricht übernehmen, da der wissenschaftliche Theil mir lange so sehr nicht am Herzen liegt als der sittliche und religiöse Theil der Erziehung, so denke ich, daß wir sehr gut Ihre gedruckte Bogen erwarten können, anders wäre es , wenn ich zu einer bestimmten Zeit die Kinder auf einen gewissen Grad der Vollkommenheit bringen wolte; da unsere kleine Schule aber nur ganz im stillen fortschreitet, so genügt mir volkommen an dem Guten was jetzt gestiftet wird; Beunruhigen Sie sich also nicht wegen uns, wir werden bis Ende April langsam aber sicher fortschreiten. Die Königin sprach mir von Ihrem Brief und wünscht gewiß sehr herzlich zu Ihrem Glück beizutragen (Vermittlung einer Schweizer Braut aus Schaffhausen); auch ich bin überzeugt daß wenn Sie eine Gehülfin hätten, die mütterlich Ihre Sorge für Ihren Kindern theilte dieß Verhältniß Ihre Ruhe Ihr Glück begründen würde - kann denn dieses Glück Ihnen nur in Schafhausen werden? -
Der Staatsrath Süvern brachte den gestrigten Abend bei uns zu. Da können Sie begreifen, daß Ihrer viel recht viel gedacht wurde. Er freut sich herzlich über Hasse, über dem frohen Bewußtsein, mit dem er selbst sagt, ich führe mich sehr brav auf: jeder der Hasse sieht muß und ist für Sie eingenommen - denn an ihm wird das Wort recht wahr - an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Hasse wollte übermorgen mit einer abgehenden Gelegenheit gehen, ich wünsche aber daß er Ihre Antwort erwartet, und Sie werden es gewiß nicht mißbilligen. Da selbst die mir erlaubte Zeit noch nicht verflossen ist. Den Onkel hat er nicht wieder gesehen. Segne Sie X: Von Schrötter viel Freundschaftlichkeit von mir. Ich kann Ihr heute nicht schreiben. Mein Mann empfiehlt sich mit mir Ihrem Andenken -

 

Nr. 9
(AfF 75 1 1/10)
Prinzessin Luise von Preußen Fürstin Radziwill
geb 24.5.1770
an Carl August Zeller
3.3.1812

Berlin den 3ten Märtz 1812
Ihr Brief lieber Herr Zeller hat mich tief gerührt, ich sehe daß wir auf dem Punkt stehen Sie zu verlieren ohne daß es mehr in meiner Macht steht zu ihrer Beruhigung das kleinste beizutragen., und sie unsrer Zukunft zu erhalten: meine Vermittlung bei der section hat wie ich mich leider überzeugt habe, Ihnen mehr geschadet als genützt, und so wage ich es nicht in diesem entscheidenden Augenblick noch einen Schritt zu thun der vielleicht mich, durch Ihnen von der Lage der Dinge unterrichtet, erscheinen ließ: ich hoffe daß Ihr, ohnerachtet aller Verfolgungen dennoch anerkanntes Verdienst Ihren Verlust zu empfindlich fühlen laßen wird, als daß man es zugeben wird, daß sie ganz uns verlaßen, ich glaube gewiß, daß Ihnen noch Anträge gemacht werden, die Sie aus Liebe für das empfangene Gute nicht ablehnen werden, und daß sie uns noch erhalten werden. - Ist es aber entschieden daß sie in Ihre Heimath zurückkehren - so schreiben Sie an den König wegen dem kleinen Fröhlich und schicken Sie mir den Brief: wenn die Verwandten des guten Kindes sich nicht ungern von ihm trennen um ihn ihrer Leitung ganz zu überlaßen, wie könnte der König es nicht bewilligen ------ Ich bin in jetzigen unruhvollen Zeiten, wo ohnerachtet des Kummers der im Herzen wohnt das geräuschvolle Leben der großen Welt doch seinen gewohnten Gang geht, selten in dem Falle unseren guten König von Dingen zu unterhalten die nicht durch den Augenblick herbeigeführt werden, wenn es eben die Gelegenheit mit sich bringt, werde ich gewis Ihres Auftrags mich entledigen, doch noch immer hoffe ich, daß die Antwort, die sie von hier aus erwarteten, meiner Erwartung entsprechen wird, denn ohnerwartet mancher Klagen, die ich in früheren Zeiten wohl hörte, war doch nur eine Meinung über Ihren Verdienst über ihre außerorndlichen (sic) Fähigkeiten, und nur ein Wunsch, der , Sie diesem Lande zu erhalten. Freilich kann ich begreifen, daß als Familienvater das nomadische Leben, welches Sie führen ein hohes Opfer ist, welches Sie der guten Sache bringen, aber bedarf es dazu einer höheren Begeisterung als der Überzeugung ganz der auferlegten der selbst gewählten Pflicht zu leben - könne irgend ein Beweis der äußeren Achtung mehr Ihnen sein, als dieß Gefühl freilich wohl, ist Liebe, Achtung, Vertrauen edler Seelen ein große Belohnung, aber bedenken Sie auch wie bedeutend der augenblickliche Zustand dieses Landes ist, wie angstvoll die nächste Zukunft für unsren Monarchen war und vielleicht noch ist, und sie werden leicht einsehen, daß er zu sehr beschäftigt ist, um so sich mit Ihrer Angelegenheit zu beschäftigen, als es in einem ruhigen Zeitpunkt geschehen würde: Herr von Bome (?) ist ein so verdienstvoller einsichtsvoller Mann daß sie doch seinen Rath in dieser Sache nehmen sol(1)ten und nicht ohne ihn einen entscheidenden Schritt thun. Er schäzt Sie sehr, und wird gewis auch in dieser Gelegenheit als Freund gegen Ihnen handeln.
Mein Mann und meine Kinder empfehlen sich Ihnen bestens - herzlich wünsche ich Ihnen zu den Vaterfreuden Glück, die Sie erwarten; möge der Himmel Ihnen Ihre Lieben erhalten, und Ihr schönes Unternehmen Seegnen; mit der innigsten Teilnahme und der höchsten Achtung bin ich lieber Zeller
Ihre ganz ergebene,                    Luise von Preußen Radziwill

 

Nr. 10
(AfF 75 116/2)
Carl August Zeller
an Christian Heinrich Zeller
21.4.1835 (Briefentwurf)

Durch die Hr Höbler, die ich in Kornthal getroffen, finde ich willkommene Gelegenheit, Dir mein Bruder ! zu melden, dass Dein Bruder Esau mit Kindern und Habe am 1. May in Lichtenstern, als dem Ziele seiner Pilgrimschaft, einzuziehen hofft. Bis hierher hat der Herr geholfen, das Wollen gegeben und das Vollbringen. Eine Menge von Herzen hat er geleutert noch mehr Köpfe zurechtgesetzt und vieler Menschen Sottisen, auch meine eigenen, theils unterwegs, theils am Ziele corrigiert. Es ist merkwürdig, zu merkwürdig !
Jetziger Stand der Sache:
Die Oberamtei, das (halbabgebrochene) Kloster, die Kirche, der Klostergarten von 3 M, eine Wiese von 9 M und ein Acker von 3 M bilden mein und meiner Eigentum. Der Verein aber erhält ein Vorkaufsrecht daran. Nachdem in der Zeitung erschien, dass ich diese Objecte gekauft, drängten sich Weinhändler und Wirthe hinzu, um die noch übrige Gebäude aufzukaufen. Auch diese habe ich nun auch , jedoch nur dem Namen nach, d.h. für den Verein gekauft, der mittelst eines dazu aufgenommenen Kapitals für die Anstalt, (die, wie sich von selbst versteht, successive darin aufgenommen werden sollen, die K(inde)ranstalt, das Seminar Lind das Witwenhaus für die evang. Schwestern der christlichen Liebe) das Hauptgebäude von Quadersteinen baulich einrichten wird. Um das Kapital, womit die Kirche bezahlt wird, meinen Kindern nicht zu entziehen, wird sie mit einem Fodern bezahlt, nehmlich mit meinen 3 Ehrenmedaillen, für die ich 2b4f gelöst habe. Um aber deren Form nicht zu verlieren, sind sie in Zinn abgegossen und die Copien vergoldet worden. Da ferner eine Kirche auch einen Diener derselben bedarf, so hat mir das Konsistorium die Rechte eines Waisenpfarrers verliehen, der in der Anstalt die cura animarum (Seelsorge), confirmiren und coena administiren (Abendmahl halten), sonntäglich predigen und katechisiren und die Filialisten (100-200 Seelen) zulassen darf. Damit ich endlich auch als Lehrer renovirt und restaurirt werde, so hat der Weinbergsherr den hiesigen Schulinspector und etliche 20 hiesige Elementarlehrer angewiesen, meinen Unterricht zu verlangen, den ich ihnen im Monat Febr. und Merz taliter qualiter ertheilt habe. Eine Delegation gläubiger Jünglinge hat mit Wärme mir dafür gedankt, dass „ich mich des Evangelii von Xo nicht geschämt“ und jenen, die im Esslinger Seminar verarmt, es gepredigt habe. Von mehreren Seiten her wird nun die Herausgabe der preuß. Lehr- und Lernmittel verlangt, für den hier zu Lande ganz unbekannten gegenseitigen Unterricht eingerichtet, die ich auch für den Druckpreis zu liefern versprochen. Cum clausula (mit dem Vorbehalt) jedoch, dass jedes Schulkind 1x jährlich in unseren Opferstock Gotteskasten einlege. Geringe Dankopfer auf dem Altar dessen, der mit irdischem Gute mich so reichlich gesegnet hat.
Von Seiten des preuß. Ministerii ist ein prospectus verlangt worden, weil es geneigt ist, auch preußische Jünglinge herzusenden und deren Hersendung zu befördern.
Du siehst, mein Bruder! dass mir, wie es scheint, mehr als ein Pfund verliehen werde. Kommt nun auch noch eine dauerhafte Gesundheit hinzu, dann gilts zu beten, dass er von der Versuchung eines derselben zu vergraben bewahren, mich bewahren möge. Dass er mir alten, faulen Knecht noch viel anvertraut.
Mein Sohn Paul ist nun auch angekommen, auf Anrathen des l(ieben) Kapf in Kornthal entschlossen, ein Württemberger zu werden, auf die Gefahr hin, 10 Jahre warten zu müßen auf das, was man hier eine Versorgung nennt. Geb nur der Herr und sein Geist, dass seine todten lat., griech. und hebräischen Buchstaben lebendig werden, dass er des Brodes begehre, das vom Himmel gekommen, des Wassers, das den Durst löscht!
Wenn Du nach W(ürttemberg) kommst, so zeige mir - ich bitte sehr darum - Deine Ankunft einige Wochen vorher an, damit wir ebenso lang uns darauf freuen können mit der Liebe, womit Dich liebt
Dein Carl.

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